Seite 1
Phrixos und Helle, Jason und die Argonauten
Im Lande Thessalien wuchsen Phrixos und Helle, die Kinder des Königs Athamas, miteinander auf. Sie hatten ein hartes Leben; denn ihr Vater hatte seine Frau Nephele verstoßen und den Kindern eine Stiefmutter gegeben, unter der sie viel zu leiden hatten. Als die böse Ino gar den Knaben Phrixos opfern wollte, griff Gott Hermes zur Rettung der beiden Kinder ein. Er brachte Nephele einen riesigen geflügelten Widder mit einem Fell von lauterem Gold zum Geschenk.
"Dieser Widder mit dem goldenen Vlies soll deine Kinder aus der Gewalt ihrer Stiefmutter befreien" sagte Hermes; "denn er kann auf den Wolken laufen und wird sie ins Land Kolchis tragen!"
Nephele folgte dem Rate des Hermes, und bald darauf ritten die Geschwister eng umschlungen auf dem Rücken des Wundertieres durch die Lüfte. Doch als Helle das Meer in furchterregender Tiefe unter sich sah, ließ sie plötzlich, vom Schwindel gepackt, den Bruder los und stürzte ins Meer, das noch heute der Hellespontos, das Meer der Helle, heißt. Phrixos dagegen erreichte glücklich das Land der Kolcher. Hier opferte er den Widder zum Dank für die Götter; das goldene Vlies gab er dem König Aietes, der ihn gastfreundlich aufnahm, zum Geschenk. Dieser weihte es dem Ares und ließ es in einem heiligen Hain an eine Eiche nageln.
Viele Jahre später herrschte in Thessalien der König Pelias, der seinen Bruder Jason, den rechtmäßigen Herrscher, des Thrones beraubt hatte. Vorzeiten nun war dem Pelias ein Orakel verkündet worden: ein Mann, der in nur einem Schuh zu ihm komme, werde auch ihn dereinst vom Throne stoßen.
Einst veranstaltete Pelias ein Festmahl zu Ehren des Meergottes Poseidon, zu dem auch sein Neffe Jason, der Sohn seines Bruders, erschien. Dieser hatte auf seinem Wege zur Königsstadt einen Bach durchqueren müssen und dabei einen Schuh im Schlamm verloren.


